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Adventskalender. Mal anders.

Als ich Anfang Oktober aus dem Urlaub wiederkehrte, war alles anders.

Mein Kollege war krank. Schon wenige Tage später war klar, dass es lange dauern würde, bis er wieder kommen kann. Er fehlt wirklich an so vielen Stellen: er ist unser Haus- und Hofdichter (ohne den jeder Grußkartentext eine Katastrophe wird!), der Fußballexperte mit dem schier unerschöpflichen Bundesliga-Insider-Wissen (seit den frühen 70-ern), er kennt jede Ecke der Stadt (und hat auch gleich viele schöne Fotos davon!), er ist Experte seines Faches, er hat ein eingebautes Musiklexikon des zwanzigsten Jahrhunderts….. und er fehlt auch einfach so.

Um die Atmo zu verbessern, habe ich das Adventskalenderprojekt gestartet: Ich habe fünf andere Kollegen zusammengetrommelt und jeder hat vier „Türchen“ zum Befüllen bekommen. Der Inhalt darf nicht mehr als einen Euro kosten und soll Freude bereiten! Ganz einfach also!

 

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Aber auch hier fehlt er und so kam – etwas verspätet – die Idee! Es regnete quasi Inspiration vom Himmel auf mein Haupt: ein digitaler Adventskalender, den er auch von zu Hause aus via Zwischennetz öffnen kann. Jeden Tag ein Türchen mit Grüßen, kleinen Clips, Bildern vom Wichtelkalender, kleinen Buchbesprechungen bzw. -empfehlungen usw……

Danke, Muse! Freude zu bereiten ist doch mindestens genaus so schön wie sie selbst bereitet zu bekommen.

Kurz vor dem dritten Advent fand ich, es sei an der Zeit, meine Gebäckdosen mit Leckereien aller Art zu füllen.

Vor etwa zwei Wochen bin ich über dieses Rezept gestolpert und habe es gleich ausprobiert:

Sächsische Obladenkuchen:

70 gr. Butter
150 gr. Zucker
2 Stk. Eier
0.5 TL Zimt
1 TL Kakao
1 Msp Nelken
100 gr. Zitronat (Sukkade)
100 gr. Orangeat
200 gr. Mandeln süß
100 gr. Rosinen
200 gr. Mehl
0,5 TL. Backpulver (schwach gestrichen)
125 ml Milch

Zunächst Butter, Zucker und Eier miteinander verrühren. Anschließend Zimt, Kakao, Nelken, Zitronat, Orangeat, Mandeln sowie Rosinen sehr klein hacken und zu der Eiermasse geben.

Ich habe die Küchenmaschine häckseln lassen und in der Zeit schon einmal Mehl, Backpulver und Milch zufügen. Als die Moulinette ihrer Pflicht nachgekommen war, habe ich die Masse zum Eiern & Co. gegeben, gut vermengt. Traditionell nimmt man wohl runde Obladen, ich hatte nur rechteckige in der Größe „ein Achtel Backblech“. Also habe ich die Masse kunstvoll darauf verteilt, sie auf das Backblech gesetzt und bei 160°C für 12 bis 14 Minuten auf der mittleren Schiene gebacken.

Der Teig erwies sich nach Fertigstellung zwar als hartnäckig und äußerst klebrig, das Ergebnis entlohnt jedoch.

Anschließend habe ich die noch warmen Lebkuchen mit Zuckerguss und ein Teil sogar danach noch kuvertiert. Dazu habe ich 100 g Zartbitterkuvertüre (gute!!) mit ca. 30 g Kakaomasse und 20g Kakaobutter getuned und es mit ein wenig geriebener Orangenschale abgerundet.
Nach dem Abkühlen habe ich die großen Obladen mt Mandeln verziert und geschnitten.

Mmmmmh! Ein Traum!

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Willkommen zurück im 20. Jahrhundert

Ich mache Ferien. Oder anders: ich habe eine kleine Auszeit vom Leben im 21. Jahrhundert. Ein Leben, in dem ich Dokumente nicht mehr in Papierform vervielfältige, sondern als pfd speichere. Auf einem Server oder zur Not auch mal auf einer lokalen Festplatte.

Nun bin ich eben nicht in meinem normalen Alltag, sondern weile in meiner alten Heimat. Nur bewaffnet mit Laptop mit Verbindung zum großen Zwischennetz und meinem Handy.

Ich versende in dieser Woche – ungewöhnlich genug für mich – viele Briefe. So richtig mit handgeschriebener Adresse und Postwertzeichen als Gegenleistung für den Transport. Am nunmehr vierten Tag ergab es sich, dass nicht mehr genug vorgedruckte Briefbögen für die nicht enden wollende Liste der Adressaten da sind und sie dem zu Folge reproduziert werden müssen. Die Druckerei hätte sie nicht vor Donnerstag fertig bekommen und auch nur ab einer Menge von 20 Stück erst angefangen zu arbeiten. Gut, das waren nun gleich zwei Ausschlusskriterien.

Ich erinnerte mich, dass es neulich – vor zehn Jahren oder so – hier mal einen Copyshop gegenüber der Stadtverwaltung gab. Schnell mal ins Zwischennetz geguckt……. nichts! Der Shop ist nicht mehr da und eine Alternative lässt sich nicht finden. Wieder in der Erinnerung gekramt: es gab doch mal dieses Bürogeschäft mit Möbeln, Büromaschinen, Schreibwaren und….. bestimmt auch mit Kopien „to go“.

Ein Anruf später bin ich nun endgültig ernüchtert: 22 Tausend Einwohner kommen ohne Copyshop aus! Wie kann das sein? Wo lassen die Studenten der Fachhochschule ihre Arbeiten drucken, wenn sie nicht selbst einen A1-Drucker zu hause haben? Wo kopieren die Schüler dieser Stadt die Mappen ihrer Mitschüler, wenn sie selbst nicht schnell genug fertig geworden sind? Wo vervielfältigen die anderen Bürger ihre Dokumente und Unterlagen? Im angrenzenden Bundesland?

Ich hätte Schwarz-Weiß-Kopien anfertigen können, wollte die Hoffnung aber nicht aufgeben. Meine Tante hingegen wohnt nun immer hier und kennt „ihre Pappenheimer“. Sie hat den Briefbogen mitgenommen und kam mit DIN A3 Kopien wieder. Da die Dame im Fachgeschäft es nicht hinbekam, das zugegebenermaßen aussergewöhnliche Format auf einem DIN A4 Blatt unterzubringen, hat sie der Kundin mal gleich A3-Kopien berechnet. Zugeschnitten hat sie die Blätter danach aber nicht! Die Kopien sehen aus, als sei das Gerät aus dem gleichen Jahrhundert wie die semibegabte Verkäuferin.

Ich werde mir heute noch über die Länge meines Aufenthaltes im 20. Jahrhundert Gedanken machen und vermutlich auch früher fahren als geplant. Ich will nicht riskieren, am Ende im 21. nicht mehr zurecht zu kommen.

Lauffeuer

Im Moment verbringe ich nahezu jedes Wochenende in der alten Heimat. So auch dieses. Und so langsam bekomme ich auch wieder den Klatsch und Tratsch im Ländle mit. Hier scheinen die neuen Medien noch nicht den Stellenwert zu haben, den sie im Rest der Welt haben. Nachrichten verbreitet hier die Presse, alternativ erfährt man hier Neuigkeiten beim Spaziergang oder am Gartenzaun.

 

Dabei ist der Ort mit ca. 22000 Einwohnern kein Dorf (mehr), dennoch scheint die Zeit an diesem Ort so manches Mal unbeeindruckt vorüber gezogen zu sein.

In dieser Woche ist ein bekannter Geistlicher unerwartet verstorben. Er wurde am Morgen in einem Seniorenstift zur Messe erwartet, erschien aber nicht. Da man Unzuverlässigkeit von ihm nicht kannte, schickte man nach ihm und fand ihn – at hoc zu seinem obersten Dienstherrn berufen – am Küchentisch. Bereits eine Stunde später war diese Nachricht durch die ganze Stadt von Zaun zu Zaun und Spaziergänger zu Spaziergänger getragen worden. Am späten Nachmittag verkündete meine Tante voller Stolz, sie habe es bereits am späten Vormittag gewusst. Er sei ja so bekannt gewesen und daher sei das eine Neuigkeit von Bedeutung für alle in der Stadt.

Abends traf ich mich mit einem meiner langjährigsten Freunde. Da er im europäischen Ausland lebt, sehen wir uns nur etwa einmal im Jahr, wenn er mit seinen Geschwistern und deren Familien im Elternhaus voradventliches Backen in semiindustrieller Produktion macht.

Wir haben uns in einem (einstmals) gemütlichen Gasthof verabredet. Am nahen Tresen saß eine rüstige neunköpfige  Rentnerrunde beim Würfelspiel. Hinter mir saß eine Männerrunde, die mir durch einen besonders distanzlosen Teilnehmer negativ auffiel. Man sprach über den Job, das letzte und das kommende Spiel der regional ansässigen Zweitliga-Mannschaft und deren Perspektiven udn… über das Thema des Tages: der verstorbene Dechant.

Vierziger mit ohne Haare: „Habt ihr schon gehört? Der Dechant ist heute morgen gestorben.“

Vierziger mit regional maximal möglichem Style: „Ja, se ham ihn am Frühstückstisch jefunden.“

Endvierziger (vom Dorf!): „Das ist ja was. Hat sich doch grad ers erholt gehabt.“

Vierziger mit ohne Haare: „Jetzt ist der Neue aber ganz schön gekniffen!“

 

Am Tisch vor mir saß ein Paar, das offensichtlich auch immer etwas längere Pausen in ihrer Unterhaltung einlegten. Da wir dem Klatsch am Männertisch grinsend lauschten, wurden auch die andern Nachbarn dem Thema gewahr und stimmten das Lied der Fassungslosigkeit mit an.

Ich bin mit sicher, dass die Nachricht die Grenzen der Stadt  heute morgen schon überschritten hat und sich ihren Weg durch Dörfer und Flecken sucht.

Mit etwas mehr Übung haben die vielen Herolde dann bald ISDN-Geschwindigkeit.

Hetze leichtgemacht

Auch an diesem Wochenende weile ich wieder in Ostwestfalen. Am Samstag Morgen gibt es dann immer zum Frühstück bei der Familie das Westfalenblatt.

In dieser Woche ging es auch hier um das Thema Migration, jährte sich doch zum fünfzigsten Mal das Anwerberabkommen mit der Türkei. „Wie Almanya zur Heimat wurde“ lautete der Titel, geschmückt mit vielen Familienfotos einer heute 75-jährigen türkischen Näherin mit neuer Heimat in Blomberg.

Neben dem Headliner auf der Titelseite und dem Leitartikel auf Seite 2 fand sich auch ein Artikel im Lokalteil der Stadt. Neben einigen statistischen Zahlen zur Zuwanderung im Kreis zwischen 1975 und 2010 wurden auch einige Bürger der Stadt zum Thema befragt, fünf um genau zu sein. Unter ihrem Foto und ihrem Namen nebst genauem Wohnort und Alter dann das Statement von vier Bürgern mit türkischen Wurzeln und mittig einer jungen deutschen Frau mit bekanntem Namen aus der Kreisstadt.

Ihr Statement hat mich bis ins Mark erschüttert. Nicht nur, dass so viel Ignoranz und Unwissen in einem jungen Menschen stecken können, sondern vielmehr die Tatsache, dass so etwas abgedruckt wird, haben mich gleichermaßen wütend und traurig gemacht.

Nun muss man wissen, dass die Zeitung schon seit ich denken kann als überaus konservativ zu bezeichnen ist.

Den Text will ich denn auch nicht vorenthalten: „Die Integration klappt überhaupt nicht. Die meisten Migranten wollen sich nicht anpassen. Sie zeigen keinen Respekt, wollen aber respektiert werden.“

Liebes Westfalen-Blatt. Wenn ihr beim nächsten Mal für euch schwierige Themen bearbeitet, lasst sie besser ungedruckt und füllt die Ausgabe doch einfach mit Werbeblöcken der wenigen Kaufleute, die hier das Sagen haben.

Best Hering ever……..

Beim Dahintreiben durch die Altstadt von Stralsund bin ich mit knurrendem Magen vor dem Fischhandel Henry Rasmus in der Heilgeiststraße gelandet. Gleich gegenüber befindet sich ein Fischimbiß, gegen den ich mich aber zu meinem Glück entschied.

Als Erstes fiel mein Blick nicht auf die Auslage sondern auf die vielen Bilderrahmen mit Auszeichnungen und Artikeln sowie Danksagungen an der Wand. Die nette Bedienung telefonierte mit einer offensichtlich älteren Kundin, die sich nicht so recht entscheiden konnte. Und obwohl mein Magen lautstarken Protest einlegte ob der vielversprechenden Düfte, gab mir das doch ausreichend Zeit die Urkunden und Bilder zu studieren. Frau Merkel – ausnahmsweise mal breit lächeln – mit einem Heringsfässchen. Die Auszeichnung der Zeitschrift Feinschmecker aus dem vergangenen Jahr bestärkte mich darin, nicht dem Knurren nachzugeben und das Geschäft gegenüber zu entern.

 

 

Als die alte Dame endlich ihre Wünsche losgeworden war und sich die Bedienung mir zuwandte, fragte ich sie trotz des Hungers erst einmal nach den Bildern. Ja, Frau Merkel hat da ein Fäßchen mit ihrem Hering in der Hand. Das war bei ihrem Besuch mit Herrn Bush jun. in der Hansestadt vor einigen Jahren. Dafür – also für den Hering – sind sie schließlich bekannt im ganzen Land. Na denn will ich wohl auch mal einen probieren und entschied mich für den Kräuterhering. Das Roggenbrötchen war deutlich größer als meine Handfläche und hatte die wunderschöne Form einer Muschel. Sie bereitete es frisch mit Salat und Remoulade (ganz dünn!!) zu, wickelte alles in zwei grosse Servierten. Wir schwatzten noch einen Moment, als ich den Bismarkhering entdeckte. Ach, ist das etwa der aus dem Faß von Frau Merkel? Die Dame  guckte ganz betroffen. Ob ich den erst jetzt entdeckt hätte? Ja klar, sonst hätte ich den doch genommen. Aber was soll´s. Ich tat einfach kund, am kommenden Tag den anderen zu probieren. Sprach´s und ging voller Erwartung auf den ersten Biss. Nach fünf Minuten und doppelt so vielen Bissen hatte ich meine Entscheidung in keinster Weise bereut. Das ist der beste Kräuterhering ever! Zum Niederknien!

Ich werde ihr meinen nächsten Besuch auch ankündigen. Vielleicht bekomme ich dann auch gleich ein ganzes Fäßchen dieser Köstlichkeit geschenkt.

Nachtrag: Das Fäßchen – oder für den kleineren Appetit auch die kleine Holzkiste – kann man im Internet bestellen. Dann wird´s wohl doch nix mit dem Geschenk.

Schall und Rauch………

Am späten Vormittag war ich zum Einkaufen gefahren. In die nächst größere Siedlung, nennen wir sie mal Stadt. Im dortigen Einkaufszentrum bin ich Handy als elektronischen Einkaufszettel voran durch die Gänge geschlumpert.

Im Hauptgang bin ich dann im Vorbeigehen Zeugin folgender Szene mit zwei ältere Damen geworden. Die Erste sieht die Zweite und in ihrem Gesicht ist schon zu lesen, dass ihr die Begegnung unangenehm ist. Die Zweite hingegen scheint sich mehr zu freuen, als sie ihrem Gegenüber gewahr wird. Beide grüßen einander.

Die Erste setzt mit „Guten Morgen“ an, die Anrede „Frau“ wird schon deutlich schleppender und leiser und dann kommt der Trick. Da ihr der Name ihrer Bekanntschaft nicht einfällt, murmelt sie einfach irgent etwas schnell leiser werdend. Ihr Gegenüber kann es gar nicht verstehen, es ist ja auch nur ein höchst undeutlich Wortbrei.  Die Andere nennt die Frau ohne Namensgedächtnis beim Namen und dann entsteht doch noch so etwas wie eine ordentliche Unterhaltung.

Ich musste unwillkürlich schmunzeln. Mir würde so was nie passieren. Derart blöde Trixx wende ich gar nicht an. Wenn ich jemanden treffen, dessen Name mir in Ermangelung eines funktionierenden Namensgedächtnisses nicht einfallen will, eröffne ich lieber mit: „Ach toll, wir haben uns ja lange nicht gesehen!“ und beschäftige den Gegenüber gleich mal mit einer Befindlichkeitsbeschreibung. Mit ein bißchen Glück fällt es mir dank eines passenden Stichwortes aus dem Gesagten wieder ein.

Oder ich mache es wie klatschmohnrot, lege mich hin und schlafe mal kurz drüber.

Regionale Spezialitäten, II.

Auf der Rückfahrt von Zingst habe ich noch einmal in Born Halt gemacht. Der malerische Fischerort wird wegen seiner hübsch restaurierten Reetdachhäuschen lobend im Reiseführer erwähnt. Gestern schon habe ich einen Prospekt vom Gut Darß entdeckt. Hier werden Spezialitäten aus Biofleisch feilgeboten, hieß es im Flyer. Das Angebot im Supermarkt von Zingst war erstaunlich groß und vielversprechend und so habe ich die kleine Stippvisite noch schnell nachgeschoben. Die Einfahrt ist bombastisch. Eine mächtige Bronze in Stierkopfform zeigt den Weg zur Einfahrt. Bei dem Namen Gut Darß dachte ich an einen typisch mecklenburgischen Gutshof aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vielleicht. Umso erstaunter war ich, lauter riesige dunkelgrüne Hallen vor mir zu sehen, die in Reih und Glied in der Landschaft standen. Kein hübscher Gutshof, kein ländliches Idyll.

Der Hofladen ist im Verwaltungsgebäude untergebracht. Ich dachte an die Hofläden in der näheren Umgebung meines derzeitigen Hauptwohnsitzes und guckte dementsprechend vermutlich ziemlich verdattert in den winzigen Raum mit einer immerhin einigermaßen reichlich gefüllten Theke. Hinter der Theke tummelten sich noch einige Honiggläser mit unterschiedlichem Inhalt in einem Holzregal. Ende im Gelände. Nüschte mehr.

Dafür war die Auswahl an Biofleisch echt umwerfend. Frischfleisch und Wurstwaren aus allerlei Getier von Rind über Lamm bis zu Exotischerem. Der freundliche Herr im Fleischereifachverkäuferoutfit beantwortete mir bereitwillig all meine Fragen und reichte mir erst einmal ein Stück Salami.

„Von welchem Tier ist das?“

„Das erraten Sie nie!“

„Wollen Sie mich herausfordern?“

Er lächelt siegessicher. „Na dann mal los, junge Frau.“

Junge Frau! Hat der mich mal angeguckt? Auch so umme Augen rum, nach fünf Stunden Schlaf?

„O.K. Das Fleisch ist dunkel, fest in der Konsistenz, der Fettanteil schön niedrig. Wenn das so vom Tier kommt…“ ich musste kurz mal dran schnuppern, „tippe ich auf Pferd, riecht aber eher nach Wild und schmeckt ein bißchen mehr nach Rind. Was aber von der Farbe nicht hinkommt.“

„Alles falsch.“ Sein Grinsen wird breiter

„Gnu? Ziege? Kreuzung aus Beidem und dann noch Bio ohne Mastfutter?“ Meine Tipps werden verzweifelter.

„Nein, nein. Kommen Sie nicht drauf, ne?“

„Erlösen Sie uns beide, bitte.“ Ich mache einen kapitulierenden Blick und bin gespannt.

„Wasserbüffel!“

„Herrje, wo ist der denn entflohen? Man hört ja von entflohenen Kühen auf Autobahnen oder Lamas von einem verrückten Wollzüchter…“

„Die grasen hier auf dem Darß. Quasi als Landschaftsgärtner.“

„Sachen gibt’s hier. Schmeckt hervorragend. Und da ich noch ein Weilchen zu bleiben gedenke, nehme ich erst mal nur Pfefferbeißer und komme am Tag der Abreise noch mal wieder.“

Gesagt, getan. Ich habe ein Paar mitgenommen. Und so lecker sie sind, so intensiv sind sie im Duft. Leider habe ich heute schon ausreichend zu Abend gegessen und verbanne sie daher im Bad über Nacht.

Heute habe ich Zingst einen Besuch abgestattet. Der Reiseführer von Dumont empfahl ausdrücklich einen Besuch des größten Ortes der Halbinsel und des Vogelschutzgebietes Sundische Wiese. Da ich den gesamten Vormittag bereits auf einem nicht besonders ausdauernden Leihdrahtesel von Born bis zum Darßer Ort geradelt bin, habe ich mich für den schlichten Besuch des kleinen Ortes zu Fuß entschieden.

Nach dem Erwerb einer Packung Kopfschmerztabletten in der örtlichen Apotheke und einer Extraportion Koffein bei einem benachbarten Bäcker wankte ich müde nach schlecht verbrachter Nacht auf einen Obststand zu. Vitamine! Das bringt mich wieder in die Spur wenn ich erst den Kaffee runter habe. Zu meiner Enttäuschung fand ich auf den ersten müden Blick nur die üblichen Supermarktsorten. Aber wenn ich die will, gehe ich in den Supermarkt. Von meinem reizenden Kollegen, der hier seit Jahren im Herbst Urlaub macht, weiß ich aber, dass es hier auch alte und höchst delikate Sorten gibt. Auf mein Nachfragen hin deutete die Verkäuferin – Marke herber norddeutscher Charme – auf zwei kleine Kisten mit Äpfeln, die sich dem Käufer nicht in Reih und Glied sortiert von ihrer besten DIN-Seite zeigten.

„Was sind das für welche?“

„Gelbe!“

„Ja, das sehe ich. Welche Sorte ist das?“

„Na, Gelbe.“

„Ach, so heißen die wirklich? Und die roten in der anderen Kiste?“ Die Spannung stieg. Wenn sie „Rote“ sagt, lasse ich sie hier und suche mir einen anderen Dealer!

„Holsteiner Cox.“

„Aha. Sind die aus regionalem Anbau?“

„Nö, die sind aus Holstein.“

Ich habe mich noch artig bedankt und mir dann im Supermarkt eine schnöde Banane geholt.

Der Typ aus einer anderen Zeit

 

 

In strahlendem Sonnenschein bin ich am Einheitstag von Berlin aus in Richtung Boddenküste aufgebrochen. Erst auf die Autobahn in Richtung Hamburg, dann nach Rostock und dann immer an der Küste entlang bis auf den Darß. Die Autobahn war erstaunlicherweise frei, obgleich meine weise Schwester das schon vorausgesagt hatte. „Über Prenzl.berg raus, der Beschilderung nach bis auf die Bahn (mundartlich für Autobahn), bis Wittstock Dosse und dann nach Rostock. In Rostock musste gucken, dass de nich bis zur Mautstelle drauf bleibst, sondern kurz vorher runter fährst!“ Mit reichlich guten Wünschen, einer kleinen Ausstattung für Abenteuer in Mecklenburg-Vorpommern und einer kurzen aber exakten Wegbeschreibung, die jedes Navi mit schwäbischem oder anderem lustigem Dialekt gänzlich überflüssig macht, bin ich dann losgefahren. Schnell noch in der Stadt getankt und ab in die weite Prärie der Tiefebene. Vorbei an endlosen Feldern, deren Früchte in der Herbstsonne noch goldener glänzen.

Vor mir war ein Konvoi (gleichnamig dem ersten B-Movie, den ich heimlich mit meinem Kumpel Holgi im zarten Alter von 5 Jahren im Zimmer seines 11 Jahre älteren Bruders mit großen Augen sah) der Arbeiterwohlfahrt aus irgentwo, an den ich mich dankbar hängte und dem ich gelassen mit 1xx km/h folgen konnte. Der Leitwolf erwies sich als umsichtiger und bahnbrechender Fuchs und ich kam schneller voran als erwartet! An dieser Stelle danke ich der weißen Flotte mit den großen Aktion-Mensch-Aufklebern.

Kurz vor Wittstock huschten rechts und links zwei Felder mit großen weißen Windrädern an meinem Auge vorbei. Am letzten der Riesen war ein farbiger Fleck, der dank der zügigen Fahrweise der weißen Flotte recht schnell näher kam. Wir überholten gerade ein schweizerisches Ehepaar in einem mir gänzlich unbekannten Automodell, als mein Auge endlich die Form des farbigen Flecks ausmachte: Die Umrisse eines Landsknechtes mit aufgestellter Picke. Hey, den Typen kenn´ ich doch! Das Kleinhirn zog die Mundwinkel weeeiiiit nach oben, ließ meine Augen strahlen und meinem Mund einen quietschenden „Neee, wat cooooool. Dat is ja der Hammmmmaaaa!“ entschlüpfen. Der Zeigefinger der rechten Hand streckte sich dem fremden Kerl entgegen. Der Schweizer neben mir blickte ungläubig zwischen mir und dem Bild am Windrad hin und her. Was seine Frau zu ihm sagte, konnte ich auf ihren Lippen nicht lesen. Sie wurden einfach zu schnell klein in meinem Rückspiegel.

 

Der Landsknecht auf dem Windrad war übrigens ein Hinweis auf das Museum des Dreißigjährigen Krieges in Wittstock. Ehe ich noch überlegen konnte, bei der Ausfahrt für ein Stündchen die Route zu ändern, war ich auch schon vorbei. Aber ich gehe auf jeden Fall zur großen Ausstellungseröffnung von 1636 in Brandenburg an der Havel.